Lebenszeichen: Soziale Herausforderungen

Zwei Drittel meines Austausches sind nun um.

Und auch das ist nur eine kurze Meldung aus dieser Zeit.

Sehr vieles passiert. Alle paar Wochen, könnte man sagen, ändert sich meine subjektive Lebenssituation wieder.

Was jedoch seit Beginn der Fall ist: Ich renne gegen Wände. Wände mit dem Namen «japanische Gesellschaft». Es fällt furchtbar schwer tiefere Bindungen mit Menschen einzugehen. Mit beinahe unerschöpflichem Optimismus versuche ich es immer wieder erneut auf verschiedenste Arten… Doch egal welche dieser vielen duzenden, mir schon bekannten Personen ich frage – es heisst immer: „Zu beschäftigt./Keine Zeit.“ Gut. Das ist wenn ich Glück habe. Ansonsten kommt auch gar keine Antwort zurück.

Auch die anderen Austauschstuderenden die nach den ersten Wochen völlig in ihrer eigenen Welt untergetaucht sind, sind mir keine grosse Hilfe. Vielleicht hat sie die japanische Gesellschaft auch einfach schon assimiliert.

Ich bin auch kein kleiner Nervenzwerg. Ich denke nur, dass es guttun könnte, mindestens ein, zwei Personen öfters als nur einmal im Monat sehen zu können. Ich bin auch kein Anfänger was japanische Gepflogenheiten betrifft. Während sich manche hinter dieser Ausrede nur verstecken, meinen viele die erwähnten Aussagen wohl ernst. (Ob sie nicht Zeit MACHEN könnten, ist wiederum eine andere Frage.)

Dies ist nun wieder eine Phase, in der mich das stärker belastet. Und es stumpft ab. Es nimmt mir diesen anfänglich sehr stark ausgeprägten Optimismus, auf andere zuzugehen.

Aber ich werde meine restlichen zwei Monate nicht damit verbringen, alleine im Internet rumzuhängen. Ich werde weiterhin Möglichkeiten kreieren. Denn ich kenne das Leben als Reaktor der Zufälle, der immer wieder Unerwartetes und Wunder geschehen lässt. Und ich habe nicht die geringste Absicht mich darin von einer Gesellschaft belehren zu lassen, die zwischen ihren Terminkalendern keinen Raum für Unvorhergesehenes zulässt.

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Abgetaucht

Kurzmitteilung

Was mag nur mit dem jungen Herrn passiert sein?

Nun, ganz einfach: Beschäftigungen sind reichlich vorhanden, zugleich ist mein „Zeitmanagement“ eine Katastrophe. Anders formuliert: Eine „Spirale der To-Do’s“, wie ich sie noch nie erlebt hatte.

Der Blog ist weiterhin ein Ziel.
Wohl werden aber abwechselnd Beiträge zur Hinreise und zum Aufenthalt in Japan veröffentlicht werden.

Abreise Transsib

Kurzmitteilung

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ereignisse und Eindrücke jagen sich gegenseitig um die Wette. Dies ist nun nur eine kurze Zwischenmeldung – in weniger als zwei Stunden fährt mein Zug.

Etwas nervös bin ich ja schon. Sechs Tage durchzufahren scheint doch eher eine Ausnahme zu sein. Doch das liegt mehr an den Kommentaren der anderen Personen, die sich das schlecht vorstellen können. Ich versuche meinen Enthusiasmus beizubehalten. Wird schon schief gehen!

Startschuss

Nun sind sie also da – die letzten Tage vor der Abreise.

dringend

Früher, schneller, billiger, besser! Auch drei Monate redundante Zeit schützt nicht von dieser aufgezwungenen Mentalität der Reiseanbieter.

 

Die Reise

Die Landreise ist nun komplett gebucht. Es dauerte eine Weile, bis ich den Durchblick hatte. Besonders bei der Transsibirischen Eisenbahn entstand schnell Verwirrung durch den Überfluss diverser „Komplettpakete“ verschiedener Anbieter. Ein Freund und Russlandkenner gab mir dann einige nützliche Tipps und Links. Nun reise ich in der 3. Klasse nach Wladiwostok – diese wurde von vielen Anbietern gar nicht erst erwähnt.

Kostentechnisch kann die Landreise nun auch wieder (besser) mit einer Flugreise mithalten: Das „Transsibirische Ticket“ kostet mich 440.-. Die gesamte Hinreise leicht über 1000.-.

Insgesamt kommen noch zusätzlich 200.- für Visaausgaben dazu (Russland, Weissrussland, Japan). Das brauchte auch noch etwas Energie und Geduld. Doch ich schwärme noch immer von der Visa-Erfahrung bei der japanischen Botschaft. Für mein Studenten-Visum wurden mir gerademal 27.- berechnet. Die Abfertigung was äusserst schnell und angenehm. Das pure Gegenteil war bei einer anderen Botschaft der Fall, die hier nicht explizit genannt werden soll.

Japanisch

Kurz- und mittelfristig konnte ich keine grösseren Fortschritte verzeichnen. Ich spreche immer noch mein „Alltags-Japanisch“; 200-400 Kanjis kann ich erkennen, bin relativ souverän bei vis-à-vis Gesprächen, habe tendenziell Mühe Fernsehsendungen und -gespräche zu verstehen.

Ich bin zwiegespalten. Zum einen werde ich mich im kommenden halben Jahr zu Genüge mit der Sprache beschäftigen, zum anderen werde ich mich über Wissenslücken wieder ärgern. Darum brüte ich die letzten Nächte hindurch noch über meinem Vokabular. Es ist aber so motivierend wie noch nie. Es erwartet mich, im Gegensatz zu sonst, keine untätige Phase des Vergessens nach dem Lernen von Schriftzeichen und Grammatik – das ganze nächste halbe Jahr über wird grosszügig repetiert – hoffentlich bleibt das Sprachwissen so für immer!

Pläne in Kyoto

Als erstes ein gebrauchtes Velo zulegen und farbenfroh ansprayen! Mit anderen Menschen am Fluss picknicken, ein Skizzenbuch eröffnen. Die Haare wieder färben, nach Communities suchen, alle möglichen Schreine, Tempel und Seitengassen besuchen. Als Plastikmonster vor dem Supermarkt auf den Verpackungswahn aufmerksam machen (optional). Mich überkommt wieder der enorme Tatendrang, der mich schon beim Besuch vor über einem Jahr ergriffen hatte.

Doch eine Wohnung muss ich auch erst mal finden. Ursprünglich hatte ich schon eine reserviert – doch der Anbieter hat einige Tage darauf die Bestätigung widerrufen – scheinbar sei eine andere Person aufgetaucht, die sich schon zuvor dafür interessiert hätte. Das brachte mich etwas in die Bredouille. Denn inzwischen hatte ich für die Übergangszeit bis zum 22. September schon ein Bett in einem Hostel gebucht. Frei nach Murphy’s Law lassen sich die dabei entstandenen Kosten wohl kaum rückerstatten. Nun, es ist wohl sowieso besser sich in dieser Zeit vor Ort nochmals ein gründliches Bild zu machen. Dann findet sich sicher ein schönes Einzelzimmer in einem Share-House. Für eine Weile teile ich mein Zimmer gerne mit sechs weiteren Leuten (und friere mich in der Nacht dank Klimaanlage zu Tode), für die nächsten fünf Monate darf dann aber schon etwas Privatsphäre und Selbstbestimmung sein. (Falls aufmerksame Leser aus Japan noch eine heisse Empfehlung haben – ich bin äusserst dankbar dafür!)

Nun schlage ich mir noch einige aufgeregte, rastlose Vorbereitungs-Nächte um die Ohren, wie das vor jedem längeren Auslandaufenthalt bei mir so üblich ist. Dann geht es nach Dänemark, wo ein Dozent von mir ein „Sound Festival“ in Aarhus veranstaltet. Man hört sich frühestens in einer Woche wieder – dann aus Moskau.

Ich komm‘ dich dann besuchen!

Mir ist bewusst, dass dieser Beitrag ein Spiel mit dem Feuer ist und dass ich wohl einigen Menschen auf die Füsse treten werde, vor allem in meinem eigenen Umfeld. Trotzdem sehe ich mich, wann immer möglich, in der Pflicht zur Offenheit und Transparenz. Höflichkeit und Harmonie mögen von mir gelebte Werte sein, trotzdem gibt es für mich wenig Unangenehmeres als einer künstlichen Rolle, einer gespielten Fassade zu verfallen, die ich überhaupt nicht mit mir vereinbaren kann. Daher der folgende Beitrag.

 

In den letzten Wochen, als meine Aufnahme für den Austausch bestätigt wurde, erfuhren auch meine geschätzten Mitmenschen davon. Entweder über meinen Blog oder persönlich. Ich erlebte viel Sympathie, man freute sich für mich und gratulierte mir. Besonders die Art meiner Hinreise löste Erstaunen und Neugierde aus.

Schnell fielen Worte wie: „Super, dann kann ich dich ja mal besuchen kommen!“ Waren diese Gesten zur Zeit des potenziellen Austausches noch sehr unkonkret und von mir auch nur mässig berücksichtigt, so führen manche Leute nun schon die Dauer und Destinationen ihres geplanten Abstechers aus.

Dabei sollte zu erwähnen sein, dass diese Aussagen (soweit ich mich erinnere) immer als gefasster Entschluss formuliert wurden. Die Frage „Willst du, dass ich dich besuchen komme?“ wurde also direkt übersprungen.

 

Da hatte ich doch in den letzten Monaten noch mit aufwändiger Planung einen alternativen Weg ersonnen, um auf den omnipräsenten Flugverkehr zu verzichten und wieder ein realistisches Bild von der geografischen Distanz zu bekommen, die mich üblicherweise von Japan trennt. Schon kurze Zeit später fand ich mich in einer absurden Mathematik wieder: Mein Projekt mit dem eingesparten Interkontinentalflug löste durch den nach sich ziehenden Besucherandrang sechs (best case) bis vierzehn (worst case) weitere Interkontinentalflüge aus. Irgendetwas ist da massig schiefgelaufen.

Ist den Leuten entgangen, welche Gedanken ich mir dabei gemacht habe? Bin ich in einen Schwitzkasten der Sitten und Gepflogenheiten gerutscht? Sind Klimaerwärmung und Klimagerechtigkeit Themen, die zu gross und abstrakt sind, als dass sie das Individuum etwas angehen (selbst für jene, welche sich darüber echauffieren)?

 

Ich glaube, der schwierigste Ort, um fest zu seinen ideologischen Vorsätzen zu stehen, ist wohl der Bekanntenkreis. Persönliche Beziehungen und Interessen scheinen viele Vorsätze zu neutralisieren. Mir scheint sogar, Menschen bewundern zwar generell starke, ikonische Charaktere, die ihrem ideologischen Leitbild kompromisslos folgen, frage mich jedoch, wie gross wohl deren Akzeptanz dann auf privater Ebene sein würde.

Besonders kritisch wird es, wenn man in Gefahr läuft, eine eigentlich gut gemeinte Handlung abzulehnen oder sogar zu kritisieren. Wie zum Beispiel der liebe, nette Vegetarier, der es beim Familienessen nicht über die Lippen bringt, der Tante, die den Braten serviert, zu sagen, dass er das Abschlachten jeglicher Tiere abscheulich findet.

Ich bin mir also durchaus bewusst, dass in meinem Fall die Äusserungen alle gut gemeint waren und darauf abzielten, mir einen Gefallen zu tun.

 

Es mag ja auch sein, dass es dabei gar nicht um mich geht, sondern um das unbezwingliche Interesse an Japan selbst. Darum und in jedem Fall gilt: Es liegt nicht in meiner Befugnis, anderen Menschen vorzuschreiben, wo sie hinzugehen haben.

Mein Verdacht ist jedoch, dass in den meisten Fällen ich der Trigger bin, eine Aktivität zu unternehmen, die sowieso schon lange auf der Liste steht. Eine Liste (jeder und jede kennt sie), auf der sich hunderte von interessanten Orten und Aktivitäten wiederfinden, die einen besonderen Reiz ausstrahlen. Zufälligerweise entsteht hier ein gemeinsamer Nenner mit einer befreundeten Person. Vielleicht kommt diese Chance so nie wieder vor. Darum nichts wie los!

Wie nachvollziehbar das Ganze ist, so ernüchternd ist es auch:

Mein eigenes Interesse und die Auseinandersetzung damit haben also niemanden dazu inspiriert, eine neue Sprache zu lernen, für mehrere Jahre nach Japan zu ziehen oder ein Jahr lang per Autostopp um die Welt zu reisen. Man könnte es eher so formulieren: Ich bin zum Sprungbrett mutiert für standardisierte Kurzferiendestinationen in der arbeitsfreien Zeit. Etwas Exotik für die Abwechslung. Und das fühlt sich wahrlich nicht inspirierend an.

 

Aber es ist nicht mein Ziel, den Leuchtturm zu spielen. Mir geht es alleine darum aus dieser Spirale der Absurdität auszubrechen. Deshalb möchte ich hier meine Punkte nochmals klar darlegen:

 

(1) Im ersten Punkt versuche ich mich kurz zu fassen; denn hier geht es um ein ganzes Gefüge an Umständen. Tief darin begraben liegen die zahllos gesammelten Begegnungen mit der Ignoranz, mit der ich mich tagtäglich herumzuschlagen habe. An mich herangetragen, von Leuten, denen man das Lebensmotto „Solange es mir gut geht, ist für alle gesorgt.“ deutlich ansieht und die auch oft und gerne meinen: „Ich kann sowieso nichts ändern.“

Ich versuche, mich möglichst dieser desillusionierenden Spirale entreissen, in der diese Menschen stecken. Sie gilt für mich als Negativbeispiel und als Verhöhnung aller Menschen, die ihr Leben dafür aufwenden, über Missstände zu informieren, die Welt zu verbessern und anderen zu helfen.

Als Auswuchs dieser Ignoranz, dessen Abstufungen subtiler nicht sein könnten, glaube ich das Ausblenden von grossen Problemen wiederzutreffen. So auch der menschengemachte Klimawandel, der nun wirklich kein neumodischer, esoterischer Hype ist. Die Beobachtungen dazu gibt es seit den 70er Jahren und Massnahmenpläne dagegen seit meiner Geburt. Die Thematik ist uralt und eigentlich jedem bekannt. (Wie auch die Auswirkungen des Jetsettens.) Und doch scheint sich das allgemeine Verhalten in diesem festgefahrenen System kaum zu verändern.

Wer aber, wenn nicht wir in der westlichen Welt des Überflusses soll sich dieser Probleme annehmen? Wenn nicht wir, dann ist die Vermutung, dass sich die Menschheit zweifelsfrei in den selbstverschuldeten Untergang reisst, nicht mehr von der Hand zu weisen.

Mich ereilt stattdessen der Eindruck, dass unser globales Jahrhundertproblem von Seiten der Firmen und Regierungen nicht mehr als Marketing oder Image-Aufwertung für den eigenen Bedarf zu sein scheint. Auf der privaten Ebene unserer hochvernetzten Gesellschaft dann wiederum nur ein stillgeschwiegenes Tabu.

Mir widerstrebt es zutiefst, ein Teil dieses Systems zu sein. Mein Gewissen beisst mir beim Gedanken daran in den Hintern und ich sehe mich in der Pflicht, meinen freien Willen und dessen Vernunft dafür aufzuwenden, mich über kritische Angelegenheiten zu informieren und mein Handeln darauf auszurichten. In einer Welt der Informationsflut ist das zugegebenermassen nicht immer einfach. Aber machbar.

Es ist ein Irrtum, anzunehmen, dass dies automatisch den Verlust von „Spass“ bedeutet. Selbst wenn, wäre es nicht weiter schlimm. Denn unsere Leidensfähigkeit, geschweige denn unsere Bescheidenheit, scheint, verglichen mit den vorhergehenden Generationen, so winzig zu sein, wie noch nie. Der Luxus, selbst zu entscheiden, wie ausbeuterisch wir uns unserem Planeten gegenüber verhalten, wird wohl sowieso nur von kurzer Dauer sein.

Diese Weltsicht mag zu belehrend wirken, doch es geht um einen Massstab, dem ich selbst nacheile. In der Abwägung der Verhältnismässigkeit – zwischen eigenen und allgemeinen Interessen – habe ich also lange mit mir gehadert, mit welchem Kompromiss ich mir meinen Lebenstraum doch noch erfüllen kann. Der akzeptierbare Status Quo steht nun – und ich glaube dahinter stehen zu können. Das heisst jedoch, dass ich diese Maxime nicht nur für mich, sondern auch für die Handlungen meines Umfeldes, die mich selbst betreffen, vertreten werde.

 

(2) Ich nehme mir das Recht, meine eigenen Bedürfnisse darzulegen:

Ich werde in einem Austauschstudium sein, das mich fest ins folgende Semester einbindet. Ich werde regelmässig Schulunterricht haben. Ich werde an den Ort gebunden sein. Ich werde viele neue soziale Kontakte treffen und aufrechterhalten. Ich werde mich sprachlich vertiefen und versuchen meine Zeit dafür aufzuwenden, alles zu lernen, was ich noch nicht verstehe. Ich möchte mich von Altem loslösen, um mich selbst in einer neuen Lebenssituation aufs Neue kennenzulernen. Ich will in die Kultur und Umgebung eintauchen, frei, nahtlos und ohne Unterbrüche.

Folglich ist mein Bedürfnis nach Besuch gering. Ich werde diese schnell vergängliche Zeit gut überstehen, ohne jeden Monat einem altbekannten Gesicht zu begegnen.

 

Darum: Ich verzichte in der Zeit meines Austausches gerne auf ausländischen Besuch*.

*Vor allem von Leuten, die ich selbst hier über Monate nicht zu Gesicht bekomme. Kommt mich doch besuchen, solange ich noch in der Schweiz bin. Ich habe Zeit.

Neuer Wind aus Osten

Mehr als drei geschlagene Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet… dafür gekämpft und gerungen. Und nun ist es endlich soweit: Einer meiner langersehntesten Wünsche ist in Erfüllung gegangen.

Meine Bewerbung für einen Austausch nach Japan wurde akzeptiert. Für ein halbes Jahr darf ich meine Zeit an einer Kunsthochschule in Kyoto verbringen.

Es ist im Moment noch schwer, das alles zu realisieren. Alle Gedanken, alle Termine waren schon darauf ausgelegt – auf etwas, das vielleicht gar nie eintreffen wird. Doch was mir schon jetzt auffällt, ist die grosse Last der Ungewissheit, die nun von meinen Schultern gefallen ist.

Ich werde der japanischen Kultur und dem japanischen Leben näher sein, als mir das bislang je gelungen ist. Zum einen ist das ein Moment der Ehrfurcht, zum anderen einer der Skepsis. Wie schon in den bisherigen Posts angedeutet, hat sich mein Leben in den letzten Jahren auf geistiger Ebene deutlich verändert. Die Zeit mit Japan als Teil einer erlösenden Spassgesellschaft, die mal so schnell per Flugzeug erreichbar ist, ist längst Geschichte. Das globale, politische und ökologische Bewusstsein wiegt schwerer als das spontane Reisen als Ablasshandel für glückliche Erinnerungen. Aber das ist gut so. Die Distanz zu meinem Glück ist kürzer geworden. Es ist greifbarer geworden.

Auch das Glück, welches ich im vergangenen Jahr in Form eines sozialen Kontaktes – ich möchte sagen, in Form der Seelenverwandtschaft – erleben durfte, macht es mir schwer, zu gehen. Doch ich sehe es möglicherweise als meine letzte Chance an, Japan in so einer intimen Konstellation erleben zu können. Wer weiss, in welche Position mich mein dynamisches Leben in den nächsten Jahren bewegen wird…? Wer weiss, ob meine Leidenschaft für dieses Land, die schon seit über einer Dekade lodert, dann noch gleich hohe Flammen schlagen wird…?

Japan ist mittlerweile nicht mehr die Projektion eines Traumes, sondern mehr ein Teil meiner persönlichen Lebensgeschichte. Was bleibt, ist die Faszination für die Sprache, die Andersartigkeit, das endlose Entdecken. Aber auch die kritische Reflektion.

Die sechs Monate werden eine spannende und lehrreiche Zeit sein. Der Aufbau einer temporären Existenz mit dem „Startpunkt 0“. Das „Ich“ auf Neuland. Studie und Studium des „Fremden“ und des Selbst.

Natürlich lasse ich die Gelegenheit nicht aus, diese ‚Reise‘ zu einem ganzen Abenteuer werden zu lassen. Da mir das Volksopium Fliegen sowieso zutiefst zuwider ist und auf meiner Liste des zu Vermeidenden steht, werde ich meine Hinreise über den Landweg vollziehen – mit der Transsibirischen Eisenbahn.

Die Agenda ergibt sich wie folgt:

~7. August: Abstecher nach Dänemark

14. August: Nachtzug von Berlin nach Moskau

21. August: Transsibirische Eisenbahn nach Wladiwostok

28. August: Ankunft in Wladiwostok

30. August: Fähre Richtung Japan

1. September: Ankunft in Sakaiminato

 

Weitere Updates folgen. Vor allem punkto „mehr neue Beiträge“ bin ich optimistisch. „Ach, wie neu!“ äussert sich gerade meine innere Stimme sarkastisch. Aber es schreibt sich tatsächlich leichter, wenn man nicht jeden Tag das Dach wechseln muss, unter dem man schläft.

Japanisches Englisch Vol.1 (Japanische Schilder Vol.1)

Im Bezug zu Japan kommt oft das Thema „Englisch“ zur Sprache. Wie ist das nun – sprechen die Japaner Englisch? Gutes Englisch? Besser als vor 10 Jahren?

Schon auf meinen früheren Reisen (die bis 7 Jahre zurück gehen) habe ich von manchen Japanern gehört: „Jaja, das Englisch der Japaner ist nicht so gut. Doch in Zukunft wird sich das ändern.“ Argumente wie „Die neue Schulreform wird es richten.“ oder andere wurden angeführt.

So wie ich den Eindruck habe, hat sich in den letzten Jahren kaum irgendetwas geändert und die Englischkenntnisse sind weiterhin rar gesäht. Ich bin zwar nicht mehr die beste Referenz, da ich wenn immer möglich mit den Leuten japanisch spreche… Trotzdem komme ich öfters in die Situation, dass sich andere Leute mit Englisch festfahren oder Japaner mehr schlecht als recht Englisch zu sprechen versuchen (obwohl das bei mir meistens gar nicht nötig wäre). Gut, es gibt schon solche komplizierte Fälle wo ich es mit einigen englischen Begriffen versuche… doch wie mir schon früher aufgefallen ist, richte ich schlussendlich damit mehr Schaden als Segen an.

Meine besten Referenzen bleiben englische Beschriftungen und die sind so gut wie immer fehlerhaft. Meine These ist, dass spätestens wenn ein kleiner Teil der Japaner ein akzeptables Englisch sprechen würde, diese fehlerhaften Beschriftungen – auf Produkten, Schildern, Heftern (vieles relativ offizielle Dinge die von jemandem in Produktion gegeben werden – und dann Jahrelang öffentlich sichtbar sind) – verschwinden würden. Oder zumindest die Hälfte davon. Bis jetzt fühlt es sich jedoch jedes Mal wie Weihnachten an, wenn ich einen englischen Text (auch wenn er meistens nur Deko und daher völliger Nonsense ist) finde und er richtig verfasst ist.

Daher habe ich eine kleine Auswahl aus „Japanischem-Englisch-Text“ der letzten 2 – 3 Wochen zusammengetragen. Folgendes gilt dabei zu beachten:

1)Der Fairness halber sind die folgenden Aufnahmen so gut wie alle bei grossen Raststätten, Hotels oder sonstigen Firmenketten gemacht wurden – und nicht in irgendeinem kleinen Nudel-Restaurant oder Familienbetrieb.

2) Spannend sind besonders Texte, deren Formulierungen die ursprüngliche Botschaft irgendwie verzerren und damit zum Kopfkino anregen. Es wird nicht auf Rechtschreibung und Grammatik herumgehackt, da ich als jemand der sich Englisch im weitesten Sinne selbst beigebracht hat, sowieso nicht die richtige Person dafür wäre.

3) Es sind nicht nur negativ-Beispiele vorzufinden.

 

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Diese Leute haben nicht nur eine sehr rare Delikatesse anzubieten, sondern scheinen auch Mathefreaks punkto Öffnungszeiten zu sein.

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Lasst die Schnitzeljagd beginnen!

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Es ist normalerweise kein guter Ratschlag einfach irgendeinen roten Knopf zu drücken…

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Zwar ist der Rechtschreibfehler minim – da mir das wie eine Anspielung auf das Wort „Lad“ vorkam, fühlte ich mich aber schon verleitet einzutreten…

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Diese Übermenschen verbieten nicht nur koreanische Touristen, sondern haben auch noch 25 Stunden am Tag geöffnet. Respekt!

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Erinnert mich ein bisschen an ein Haiku… geschrieben von einem Armbanduhren-Hersteller.

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Eigentlich wollte ich niemanden benutzen…

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Eine nicht desinfizierende Toilette ist eine schlechte Toilette.

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Ein (soweit ich beurteilen kann) korrektes Englisch. Der Stil macht es aber gleichwohl zu einem total japanischen Englisch.

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Hey Toilette, fang!

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„Mr. president! Please sit down this wall!“

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Auch keine konkreten Fehler feststellbar. Doch an einem anderen Ort – aufgrund der vielen interpretationsmöglichkeiten von „Nuts“ – kaum vorstellbar…

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Eine Raststätte die es richtig schön vormacht. Mehrsprachig und simpel.

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… of your choice?

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Do not enter the outside.

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Eine Webung von einem Kaffe- bzw. Getränkehersteller. Meinerseits sprachlich ok. Die Werbung bzw. der Spruch gefällt mir sogar besonders gut. Natürlich eine Anspielung auf den politisch sehr aufgeladenen Satz „Black is Beautiful“. Neben dem „Blend“ das im kontext des Kaffees sehr oft verwendet wird, zieht sich im Hintergrund der politische Kontext weiter. Ein in Japan sehr zentraler als auch umstrittener Punkt ist die kulturelle Durchmischung. Und es scheint beinahe als werde hierfür eine Lanze gebrochen. Vielleicht gehe ich mit diesem Gedanken zu weit… doch ich würde mir gerne mehr Werbung wünschen die mit knackigen Sätzen zu komplexeren Gedanken führt.

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Feet like it,if you`re carefui to them.

Nr. 5 wäre eigentlich mehr in die Kategorie „Japanische Schilder Vol.2“ gefallen – aber egal.

Es kann sein, dass viele der Blogs die jetzt noch in Arbeit sind, erst bei meiner Rückkehr veröffentlicht werden…

Bis zum nächsten!